Lothar-Rüdiger LütgeAutor · Philosophie, Religion, Gesellschaft

· zuerst veröffentlicht auf X als Artikel

Kinder der Revolution – zwischen Krone und grauen Eminenzen

Auf merkwürdige, indirekte Weise sind wir in Europa alle Kinder der Französischen Revolution. Wir haben die legitimen Herrscher des Ancien Régime geköpft, die Priester verjagt und die Kirchen in Pferdeställe verwandelt – im übertragenen Sinn, in der Sache wahr.

Was also dürfen wir erwarten? Elend und Not und zuletzt Sklaverei. Unterdrückt von den neuen Herren, die sich selbst an die Stelle des Adels gesetzt haben.

Die Revolution war der blutige Vollzug des Bruchs mit der lesbaren Ordnung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sichtbare Krone und sichtbares Sakrament wurden durch den souveränen Menschen ersetzt. Die alten Herren waren gebunden – an Herkunft, Ehre, Kirche, an Recht, das nicht von ihnen selbst gemacht war. Die neuen Herren sind an nichts gebunden außer an die Macht, die sie selbst erzeugen. Deshalb können sie sich als Diener der Gleichheit, der Sicherheit oder der Expertise ausgeben und trotzdem die Zwischengewalten zerschlagen.

Absolute Autonomie ist für das Geschöpf ein Paradox: Wer an nichts gebunden ist, wird von allem getrieben. Wer Gott den Rücken kehrt, landet bei menschlichen Eliten oder bei Algorithmen. Die Sklaverei, die folgt, trägt selten Ketten. Sie trägt die Form der verwalteten Freiheit: der Einzelne glaubt zu wählen, während die Rahmen von denen gesetzt werden, die sich an die Stelle der alten Herren gesetzt haben.

Elend und Not erscheinen zuerst als Sinnlosigkeit und demographische Selbstauflösung. Die Alternative liegt nicht in der Wiederherstellung des Ancien Régime, sondern in der Anerkennung, dass das "Ich bin" empfangen ist. Erst dort endet die Flucht in die Autonomie, die mit der Revolution ihren politischen Ausdruck fand und seither nur die Form gewechselt hat.

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